Um besser zu verstehen, was bei einem traumatischen Erlebnis im Gehirn passiert, schauen wir uns zwei Bereiche etwas genauer an:
1. Der Hippocampus ist unser „Gedächtnis-Archivar“
Der Hippocampus hilft uns dabei, Erinnerungen zu speichern und
sie später wiederzufinden. Er sorgt dafür, dass wir Erlebnisse
zeitlich und räumlich einordnen können, beispielsweise wann und
wo etwas passiert ist.
2. Die Amygdala ist unser „Alarmsystem“
Die Amygdala ist unter anderem dafür zuständig, mögliche
Gefahren zu erkennen. Nimmt sie eine Bedrohung wahr, schlägt
sie blitzschnell Alarm. Unser Körper wird darauf vorbereitet,
sich zu schützen, zum Beispiel durch Flucht, Kampf oder
Erstarren.
Bei einem traumatischen Erlebnis kann dieses Alarmsystem besonders stark aktiviert sein. Gleichzeitig kann der Hippocampus seine Aufgabe vorübergehend nicht wie gewohnt erfüllen. Das Erlebte wird dadurch möglicherweise nicht als zusammenhängende, zeitlich und räumlich eingeordnete Erinnerung abgespeichert. Einzelne Bilder, Gefühle, Geräusche oder Körperempfindungen können unverbunden und sehr intensiv in Erinnerung bleiben.
Querschnitt des Gehirns mit vereinfachten Erklärungen:

Werden solche Erinnerungsfragmente später ausgelöst, können sie sich deshalb so anfühlen, als würde die damalige Gefahr gerade jetzt wieder passieren, obwohl das Ereignis längst vorbei ist.
Was bei Stress, Angst oder in bedrohlichen Situationen in unserem Gehirn passiert, ist komplex. Das Handmodell des Gehirns nach Dr. Daniel Siegel macht diese Vorgänge auf eine einfache und anschauliche Weise verständlich. Alles, was wir dafür brauchen, ist unsere eigene Hand.
Stell dir vor, deine Hand stellt vereinfacht dein Gehirn
dar:
Bildlich stehen der Unterarm und das Handgelenk für das
Stammhirn, welches grundlegende Körperfunktionen wie Atmung,
Herzschlag oder Verdauung steuert. Der eingeklappte Daumen,
symbolisierter das limbische System. Dort sitzt der Hippocampus
mit unseren Erinnerungen und die Amygdala, in der unsere
Gefühle z.B. Angst, Wut oder Freude bewertet werden. Die über
den Daumen gelegten Finger zeigen den präfrontalen Kortex, also
den Bereich direkt hinter der Stirn. Dieser Teil hilft uns,
nachzudenken, Entscheidungen zu treffen, Probleme zu lösen und
unsere Gefühle zu regulieren.
Im entspannten Zustand (Bild links) liegen die Finger über dem
Daumen. Die verschiedenen Bereiche können gut zusammenarbeiten:
Wir können wahrnehmen, fühlen und gleichzeitig überlegt
handeln. Alle Bereiche sind in Verbindung (online) und arbeiten
gut zusammen.
Erleben wir jedoch starken Stress, Angst oder eine Bedrohung, kann unser Alarmsystem die Führung übernehmen. Im Handmodell klappen dazu die Finger nach oben oder bildlich gesprochen „klappt der Deckel hoch“. Das bedeutet vereinfacht, das denkende Hirn wird ausgeschaltet (ist offline) und die Amygdala übernimmt die Kontrolle. Bis sich das Nervensystem wieder beruhigt hat, kommen Hinweise bei Betroffenen nur schwer oder gar nicht an. Dies liegt daran, dass sich die Stresshormone im Körper frühestens nach sieben Minuten wieder abgebauen und erst dann ist der Mensch wieder aufnahmefähig.
Das Handmodell zeigt damit sehr einfach: Unter starkem Stress reagiert unser Gehirn anders als in einem sicheren und ruhigen Zustand. Erst wenn wieder ausreichend Sicherheit entsteht und das Alarmsystem sich beruhigt, stehen uns auch die Bereiche für klares Denken, Orientierung und bewusste Entscheidungen wieder besser zur Verfügung.


Traumatische Erlebnisse können das Erleben, Denken und Verhalten eines Menschen nachhaltig beeinflussen. Um die vielfältigen Folgen von Traumata besser zu verstehen, wurden verschiedene Modelle entwickelt. Diese helfen dabei, die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf Körper, Psyche und Verhalten einzuordnen und dienen als Grundlage für einen traumasensiblen Umgang.
