Eine Trennung oder Scheidung
verändert das Leben einer Familie. Für die Eltern bedeutet eine
Trennung meistens das Ende ihrer Partnerschaft. Für Kinder und
Jugendliche kann sie aber noch viel mehr bedeuten. Ihr
bisheriges Leben verändert sich. Vielleicht zieht ein
Elternteil aus, das Kind muss zwischen zwei Wohnungen wechseln
oder der Alltag sieht plötzlich ganz anders aus. Auch die
Beziehung zwischen den Eltern kann sich
verändern.
Für Kinder ist es oft schwer zu
verstehen, warum Mama und Papa sich nicht mehr verstehen oder
nicht mehr zusammenleben möchten. Sie fragen sich vielleicht:
„Was passiert jetzt mit unserer Familie?“, „Bin ich schuld
daran?“ oder „Liebt Mama oder Papa mich
noch?“
Eine Trennung muss nicht
automatisch zu großen psychischen Problemen führen. Viele
Kinder können mit der Zeit lernen, mit der neuen Situation
umzugehen. Entscheidend ist aber, wie die Trennung abläuft.
Besonders schwierig ist es für Kinder, wenn die Eltern ständig
streiten, sich gegenseitig Vorwürfe machen, sich bedrohen oder
Gewalt vorkommt. Auch wenn ein Elternteil plötzlich keinen
Kontakt mehr zum Kind hat, kann das sehr belastend sein.

Kinder brauchen vor allem
Sicherheit und Menschen, auf die sie sich verlassen können.
Wenn sich plötzlich vieles verändert, können sie Angst und
Unsicherheit bekommen. Besonders jüngere Kinder reagieren
manchmal mit Schlafproblemen, Bauchschmerzen oder großer
Anhänglichkeit. Manche möchten nicht mehr alleine schlafen oder
haben Angst, dass auch der andere Elternteil sie verlassen
könnte. Einige Kinder
glauben sogar, dass sie selbst schuld an der Trennung sind. Sie
denken vielleicht: „Wenn ich lieber gewesen wäre oder nicht so
oft Streit gemacht hätte, wären Mama und Papa vielleicht noch
zusammen.“. Solche Gedanken können Kinder sehr belasten.
Deshalb ist es wichtig, ihnen immer wieder zu sagen, dass sie
keine Schuld an der Trennung haben.
Auch Jugendliche können stark
unter einer Trennung leiden. Sie verstehen zwar meistens
besser, warum sich Eltern trennen, aber das bedeutet nicht,
dass es für sie leichter ist. Sie können traurig, wütend oder
enttäuscht sein. Manche ziehen sich zurück und möchten nicht
mehr über ihre Gefühle sprechen. Andere werden schnell gereizt
oder aggressiv. Auch Probleme in der Schule,
Konzentrationsschwierigkeiten oder weniger Interesse an
Freunden und Hobbys können zeigen, dass ein Jugendlicher mit
der Situation nicht gut zurechtkommt.
Besonders belastend ist es, wenn
Kinder immer wieder Streit zwischen ihren Eltern miterleben.
Wenn Eltern sich gegenseitig beschuldigen oder das Kind dazu
bringen, sich für einen Elternteil zu entscheiden, entsteht ein
sogenannter Loyalitätskonflikt. Das bedeutet, dass das Kind das
Gefühl bekommt, es müsse sich für Mama oder Papa
entscheiden. Ein Kind kann
zum Beispiel gerne Zeit mit seinem Vater verbringen wollen.
Gleichzeitig kann es Angst haben, dass die Mutter deswegen
traurig oder wütend wird. Das Kind möchte dann keinen
Elternteil enttäuschen. Dadurch kann es sich sehr unter Druck
gesetzt fühlen.
Kinder sollten niemals das Gefühl
bekommen, zwischen ihren Eltern wählen zu müssen. Sie dürfen
beide Eltern lieben und mit beiden Eltern eine Beziehung
haben.
Besonders schlimm können
Trennungen sein, bei denen Kinder Gewalt miterleben. Wenn ein
Kind sieht, dass ein Elternteil den anderen körperlich oder
psychisch verletzt, kann das große Angst auslösen. Auch wenn
das Kind selbst nicht geschlagen wird, kann das Erleben von
Gewalt sehr belastend sein. Das Kind erlebt dann Menschen, die
eigentlich für Sicherheit sorgen sollten, gleichzeitig als
Quelle von Angst. Solche
Erfahrungen können zu einer traumatischen Belastung führen.
Kinder können dann zum Beispiel immer wieder an die schlimmen
Erlebnisse denken oder davon träumen. Manche versuchen, nicht
mehr darüber zu sprechen oder Situationen zu vermeiden, die sie
an das Erlebte erinnern. Andere sind ständig angespannt und
reagieren sehr schnell mit Angst, Wut oder
Schreck.
Traumatische Erlebnisse können
sich bei Kindern auch anders zeigen. Manche Kinder sprechen
nicht darüber, sondern zeigen ihre Gefühle durch ihr Verhalten.
Sie spielen zum Beispiel immer wieder ähnliche Situationen nach
oder malen Bilder, die mit ihren Erlebnissen zu tun haben. Auch
Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder starke
Müdigkeit können mit einer psychischen Belastung
zusammenhängen. Die
Auswirkungen können auch in der Schule sichtbar werden. Ein
Kind, das ständig über die Probleme zu Hause nachdenkt, kann
sich schlechter konzentrieren. Die Noten können schlechter
werden oder das Kind verliert das Interesse am Unterricht.
Manche Kinder ziehen sich von ihren Freunden zurück.
Jugendliche können zusätzlich riskantes Verhalten zeigen oder
sich selbst verletzen. Solche Veränderungen sollten immer ernst
genommen werden. Trotzdem
bedeutet eine schwierige Trennung nicht automatisch, dass ein
Kind später psychisch krank wird. Kinder können auch schwierige
Erfahrungen verarbeiten und wieder Vertrauen und Sicherheit
entwickeln. Diese Fähigkeit nennt man
Resilienz.
Dabei helfen vor allem Menschen,
die dem Kind Sicherheit geben. Das können Eltern, Großeltern,
Geschwister, Lehrer oder andere vertraute Personen sein.
Wichtig ist, dass das Kind weiß: „Ich bin nicht allein. Ich
werde geliebt. Ich darf über meine Gefühle
sprechen.“
Auch die Eltern haben eine
wichtige Aufgabe. Sie sollten versuchen, ihre Konflikte nicht
über das Kind auszutragen. Das Kind sollte nicht als Bote
zwischen den Eltern eingesetzt werden. Sätze wie „Sag deinem
Vater, dass er …“ oder „Deine Mutter ist schuld daran“ können
das Kind zusätzlich belasten.
Für Kinder ist es wichtig zu
wissen, dass die Trennung eine Entscheidung der Erwachsenen
ist. Das Kind trägt keine Schuld. Außerdem sollte der Kontakt
zu wichtigen Bezugspersonen möglichst verlässlich bleiben. Ein
Kind darf beide Eltern lieben, ohne Angst haben zu müssen,
dadurch einen anderen Elternteil zu verletzen.
Wenn ein Kind sehr stark unter
der Trennung oder den Erlebnissen in der Familie leidet, kann
professionelle Hilfe wichtig sein. Ein Traumapädagoge kann
dabei helfen, die eigenen Gefühle besser zu verstehen und mit
der schwierigen Situation umzugehen. Er hilft dem Kind unter anderem, seine Ängste
und Stressreaktionen besser zu verstehen und belastende
Erinnerungen Schritt für Schritt zu verarbeiteten.
Auch EMDR kann bei traumatischen
Erfahrungen eingesetzt werden. Dabei werden belastende
Erinnerungen mit Unterstützung bearbeitet.
Bei Jugendlichen sind Gespräche
häufig besonders wichtig. Dabei können Themen wie Trauer, Wut,
Selbstwertgefühl, Freundschaften, Beziehungen und
Zukunftsängste angesprochen werden. Wichtig ist, dass
Jugendliche einen Ort haben, an dem sie offen über ihre
Gedanken und Gefühle sprechen können, ohne bewertet zu
werden.
Wichtig ist, dass nicht das
Verhalten des Kindes geändert wird, sondern herauszufinden,
warum das Kind sich verändert hat und was es erlebt hat. Das
Kind braucht einen sicheren Ort, an dem es verstanden wird. Es
soll lernen, dass seine Gefühle in Ordnung sind und dass es
Wege gibt, mit schwierigen Erfahrungen umzugehen.
Am Ende ist deshalb nicht nur die
Frage wichtig, ob eine Trennung für ein Kind belastend ist.
Viel wichtiger ist die Frage, wie die Erwachsenen mit der
Trennung umgehen. Eine
Trennung kann für Kinder sehr schmerzhaft sein. Sie muss aber
nicht bedeuten, dass ein Kind dauerhaft darunter leidet.
Sicherheit, Liebe, feste Abläufe, Verständnis und Unterstützung
können Kindern helfen, die neue Lebenssituation zu
bewältigen.
Wenn jedoch Gewalt, starke
Konflikte oder andere traumatische Erfahrungen eine Rolle
spielen, sollte möglichst früh professionelle Hilfe gesucht
werden.
Kinder brauchen vor allem
Erwachsene, die ihnen zuhören und ihre Gefühle ernst nehmen.
Sie brauchen die Sicherheit, dass sie nicht schuld sind und
sich nicht zwischen ihren Eltern entscheiden müssen.
