Wenn mein Kind nicht mehr zur Ruhe kommt

Manche Kinder wirken unruhig, impulsiv, aggressiv oder ziehen sich immer mehr zurück. Andere können sich kaum konzentrieren, reagieren schnell gereizt oder scheinen ständig „unter Strom“ zu stehen. Häufig werden sie als verhaltensauffällig bezeichnet. Doch hinter diesem Verhalten steckt oft keine böse Absicht, sondern ein Nervensystem, das dauerhaft unter Stress steht.

Unser Gehirn verarbeitet die Erlebnisse des Tages vor allem während des Schlafes. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte REM-Schlafphase (Rapid Eye Movement). In dieser Schlafphase werden Eindrücke sortiert, Emotionen verarbeitet und wichtige von unwichtigen Informationen getrennt. Man könnte sagen: Das Gehirn räumt während dieser Phase auf.

Erlebt ein Kind jedoch über einen längeren Zeitraum starken Stress, zum Beispiel durch Leistungsdruck, familiäre Konflikte, Ausgrenzung oder andere belastende Erfahrungen, gerät das Nervensystem in einen dauerhaften Alarmzustand. Dieser kann den Schlaf beeinflussen, beispielsweise weil das Kind unruhig schläft, häufig aufwacht oder die erholsamen Schlafphasen nicht mehr ausreichend erreicht werden.

Dadurch gelingt es dem Gehirn immer schlechter, die täglichen Erlebnisse zu verarbeiten. Belastende Erfahrungen bleiben gewissermaßen „liegen“, anstatt eingeordnet zu werden. Mit jedem weiteren stressreichen Tag sammelt sich mehr von diesem unverarbeiteten Belastungsmaterial an. Bildlich gesprochen entsteht ein immer voller werdender Rucksack, der das Kind zusätzlich belastet.

Die Folge ist, dass selbst kleine Herausforderungen irgendwann zu viel werden können. Das Gehirn befindet sich bereits in einer hohen Grundanspannung und reagiert schneller mit Wut, Rückzug, Tränen oder Konzentrationsproblemen. Das Verhalten, das Erwachsene sehen, ist deshalb häufig ein Ausdruck von Überforderung und nicht von mangelndem Willen oder fehlender Erziehung.

Deshalb hilft es selten, nur am Verhalten anzusetzen. Viel wichtiger ist die Frage: Was braucht das Nervensystem dieses Kindes, damit es sich wieder sicher fühlt? Erst wenn Stress reduziert wird und das Kind ausreichend Möglichkeiten zur Regulation erhält, kann das Gehirn belastende Erfahrungen wieder besser verarbeiten.

Verhaltensauffälligkeiten sind daher oft kein Zeichen dafür, dass mit einem Kind etwas „nicht stimmt“. Vielmehr zeigen sie, dass das Kind mit etwas kämpft, das von außen häufig nicht sichtbar ist. Wenn wir beginnen, Verhalten als Ausdruck innerer Belastung zu verstehen, können wir Kinder nicht nur besser begleiten, sondern wir geben ihnen auch die Chance, wieder zur Ruhe zu kommen, sich gesund zu entwickeln und ihr Potenzial zu entfalten. Deshalb frage ich gerne: Siehst Du das Problemkind oder willst Du ehrlich das Problem des Kindes sehen?


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