Traumaerklärmodelle

Traumatische Erlebnisse können das Erleben, Denken und Verhalten eines Menschen nachhaltig beeinflussen. Um die vielfältigen Folgen von Traumata besser zu verstehen, wurden verschiedene Traumaerklärmodelle entwickelt. Diese helfen dabei, die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf Körper, Psyche und Verhalten einzuordnen und dienen als Grundlage für einen traumasensiblen Umgang. Im Nachgang findest Du einige mögliche Erklärmodelle zum besseren Verständnis.


Festplattenmodell

Man kann sich die Psyche wie eine Computerfestplatte vorstellen, auf der alle Dateien, ähnlich wie Erinnerungen, Gedanken und Gefühle in uns gespeichert sind, abgelegt werden. Normalerweise läuft dieser Prozess problemlos und wir können auf die gesicherten Informationen zugreifen und sie nutzen.

Bei einem Trauma wird im Speicherprozess eine Datei beschädigt. Der Rest läuft normal, nur die kaputte Datei macht immer Ärger. Beim Versuch die Erinnerungen zu öffnen oder beim Erleben einer ähnlichen Situation, stürzt das “System” ab.

Dann kommt es durch Gefühle, Stress oder Angst zu einer Überflutung, manchmal sogar zu einem völligen Zusammenbruch. Die Erinnerung liegt in Bruchstücken vor, weshalb die Psyche diese nicht normal verarbeiten kann. Wie bei einem Computer, lässt sich die kaputte Datei nicht öffnen, ohne dass der Rechner einfriert. Genauso blockiert ein Trauma.

Das Erlebnis eines Autounfalles kann in verschiedenen „Ordnern“ gespeichert sein: 

  • Bilder können beispielsweise Erinnerungen an die Unfallstelle oder das kaputte Auto sein.
  • Es kann zu Gedanken (Kognition) wie „Ich hätte sterben können“ oder „Ich fahre nie wieder Auto“ kommen. 
  • Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit oder Traurigkeit können gespürt werden.
  • Der Körper reagiert vielleicht mit Herzrasen, Zittern, Taubheitsgefühlen oder ähnlichem.

Splittermodell

Das Splittermodell erklärt, wie ein Trauma in unserer Seele wirkt. Man kann sich ein Trauma wie einen Splitter vorstellen, der in uns stecken bleibt. Normalerweise werden schmerzhafte Erinnerungen im Laufe der Zeit schwächer und verblassen. Bei einem Trauma passiert das nicht, der „Splitter“ bleibt und verursacht immer wieder Schmerzen.

Wenn etwas an das Trauma erinnert, zum Beispiel eine Situation, ein Geräusch oder ein bestimmter Geruch, fühlt es sich so an, als würde man den Splitter berühren. Dann kommen die alten Gefühle und Schmerzen sofort wieder hoch.

Man kann sich ein Trauma wie einen Glassplitter im Fuß vorstellen: Eine gewöhnliche Wunde würde mit der Zeit heilen. Bleibt der Splitter jedoch stecken, schmerzt jeder Schritt erneut. Genauso ist es bei einem Trauma, auch wenn das belastende Erlebnis längst vorbei ist, können kleine Auslöser den alten Schmerz wieder fühlbar machen.


Schatztruhen- oder Schubladenmodell

Das Schatztruhenmodell lässt sich folgendermaßen beschreiben: Man kann sich unser Gedächtnis wie eine große Truhe voller Erinnerungen vorstellen. In dieser Truhe liegen viele Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben, schöne wie schwierige. Normalerweise werden diese Erinnerungen ordentlich „verstaut“: sie sind eingeordnet, haben einen festen Platz und lassen sich bei Bedarf hervorholen, ohne dass sie uns überfordern.

Bei einem Trauma ist das anders. Die Erinnerungen an das schreckliche Erlebnis wird nicht sauber in der Truhe verstaut. Sie liegen ungeordnet und offen herum, die Truhe lässt sich nur mit Mühe schließen. Die Erinnerungen sind so schwer zugänglich und oft mit starken Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit oder Schmerz verbunden. Wird die Truhe durch einen Auslöser (Trigger) geöffnet, springen einem diese ungeordnete Erinnerungen direkt entgegen, als würde das Erlebte im Hier und Jetzt noch einmal passieren.

In der Traumabegleitung geht es darum, diesen „offenen Schatz“ behutsam zu betrachten und Schritt für Schritt zu sortieren. Die belastenden Erinnerungen sollen verarbeitet, neu eingeordnet und schließlich in der Schatztruhe verschlossen werden, wo sie sicher verwahrt sind. Sie bleiben Teil der eigenen Lebensgeschichte, sie verschwinden nicht, aber sie bestimmen nicht mehr ständig das Denken, Fühlen und Handeln. 

Beispiel: Wenn wir Kleidungsstücke ungeordnet in eine Schublade werfen, lässt sich diese am Ende nicht schließen. Erst wenn wir die Sachen herausnehmen, sie ordentlich falten und sorgfältig einräumen, passt alles wieder hinein und am Ende ist meist noch Platz übrig.


Traumahaus

Stell dir vor, dein Gehirn ist wie ein Haus mit mehreren Etagen.

Im Keller laufen alle lebenswichtigen (Überleben-)Funktionen automatisch ab: Atmung, Herzschlag und die Alarmanlage des Körpers. Hier entscheidet das Gehirn blitzschnell, ob Gefahr besteht. Wenn das passiert, reagiert der Körper automatisch mit Kampf, Flucht oder Erstarren. Darüber musst du nicht nachdenken, das passiert von selbst.
Im Erdgeschoss befinden sich deine Gefühle. Du kannst Angst, Freude, Wut oder Traurigkeit wahrnehmen und ausdrücken.
Im Obergeschoss kannst du nachdenken, lernen, planen, Probleme lösen und vernünftige Entscheidungen treffen. Hier sitzt sozusagen dein „kluger Kopf“.

Was passiert bei einem Trauma oder Trigger?
Wenn du an ein traumatisches Erlebnis erinnert wirst oder dein Gehirn glaubt, dass wieder Gefahr besteht, schaltet es die Alarmanlage im Keller ein. Der Keller übernimmt dann die Kontrolle. Dadurch sind die oberen Etagen oft nur noch schwer erreichbar: 
Du kannst nicht mehr klar denken.
Gefühle sind überwältigend oder wie ausgeschaltet.
Du reagierst automatisch, zum Beispiel mit Wut, Weglaufen oder Erstarren.

Erst wenn dein Gehirn merkt, dass du wieder sicher bist, beruhigt sich die Alarmanlage im Keller. Dann kannst du nach und nach wieder auf alle Etagen zugreifen: Du kannst klar denken, deine Gefühle besser verstehen und bewusst handeln.

Dieses Modell hilft zu verstehen, warum Menschen nach einem Trauma oft anders reagieren, als sie es selbst möchten: Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil ihr Gehirn sie zunächst schützen möchte.